Gedanken zur Europäischen Kultur

PRO ARTE EUROPAPREIS 2017

In der Begründung der Jury für den mir verliehenen Preis heißt es unter anderem, dass ich ihn „als Botschafter europäischer Kultur in Amerika“ erhalte. Dies löst bei mir Fragen aus, welche Kultur das ist, oder noch ist, und wohin sie sich entwickelt. Es führt mich auch auf die Überlegung zurück, welche Auswirkung, ja grundlegende Bedeutung musikalisches Schaffen für uns Ausführende wie auch für die Öffentlichkeit hat.

In diesem Sinn möchte ich zwei Leitgedanken an den Anfang stellen. Musik als tönender Ausdruck von Kultur ist vor allem Geben und Nehmen – Freiheit in der Musik wie im Leben ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine große Verantwortung und Verpflichtung.

Ein Populist sitzt im Weißen Haus. Wir reden und diskutieren über Populismus in der Politik – auch in Europa: Politik verkommt zunehmend zur billigen TV-Unterhaltung. Was hat dies jedoch mit unserem Kulturleben zu tun? Kultur ist seit jeher Ausdruck und Spiegel der jeweiligen Zeit. Populismus ist schon seit langer Zeit auch in unserem „Geschäft“ angekommen, und der Kampf, der dagegen und für die Kunst zu führen ist, lässt mich manchmal verzweifeln. Populismus im Kulturleben zeigt sich in so mancher Selbstdarstellung von Künstlerinnen und Künstlern. Vielen von ihnen ist es vorwiegend daran gelegen, ein bestimmtes Image aufzubauen und mit symbolträchtigen Gesten, schriller Kleidung und strategisch gewählten Rauminszenierungen eine Selbstvermarktung vorzunehmen. Die Gesetze des Marketing und die Schaffung marktschreierischer „Künstler-Inszenierungen“ im Grenzbereich von E- und U-Musik scheinen wichtiger denn je.

Und diese Vermarktung macht auch vor dem Kunstwerk selbst nicht halt. Was sagt es aber auch über uns, über das Publikum, die Gesellschaft, über unser Kulturverständnis aus, wenn wir die Aufführung einer Totenmesse bejubeln, als ob wir ein Popkonzert gehört hätten? Was sagen Äußerlichkeiten – Miniröcke für Rachmaninoff, schräge Outfits für Mozart, Beethoven barfuß gespielt, etc. – über die Interpretation aus? Oder sollen sie etwas verdecken? Vielleicht mangelnden Tiefgang? Begnügen wir uns mit den Äußerlichkeiten, um selbstzufrieden zum Schluss zu kommen, dass die Verpackung tatsächlich dem Inhalt entspricht? Marketing möchte uns oft glauben machen, dass die den Marktbedürfnissen angepasste Hülle gleichzusetzen wäre mit dem Inhalt und manchmal sogar mehr als das. Individualität und öffentliche Inszenierung sind gut und notwendig, auch für einen Künstler. Selbstvermarktung kennen wir spätestens seit Paganini, aber verbirgt sich hinter den Äußerlichkeiten auch, was sie versprechen oder sind sie ein Ablenkungsmanöver?

Jungen, angehenden Musikern gebe ich den Rat, dass sie früh auf ihrem Berufsweg eine Entscheidung treffen müssen: entweder wollen sie rasch Karriere machen – und das ist schwer, zumal es Disziplin, Ausdauer, Einsatz, etc. erfordert – oder wollen sie Suchende werden – das ist unvergleichlich und um ein Vielfaches schwieriger. Der Weg eines Künstlers ist der eines Suchenden, der sich aufmacht, den Geheimnissen eines Kunstwerkes näher zu kommen. Wesentlich dabei ist die Motivation, die zu einer Entscheidung führt. Der Künstler hat die Freiheit, sich für das Kunstwerk zu entscheiden oder seine Eigeninteressen zu verfolgen. Freiheit wird genau an diesem Punkt zur Verantwortung, ja zur Verpflichtung.

Kunst, die keine Geheimnisse mehr in sich birgt, ist keine Kunst mehr, sondern ein unbestimmtes Etwas, zur belanglosen Unterhaltung pervertiert. Dies betrifft Musikschaffende in gleichem Maß wie die Zuhörerschaft. Mich deprimiert es, wenn Menschen von einer Aufführung wie einer 9. Symphonie von Gustav Mahler oder einem Requiem von Johannes Brahms begeistert sind, und nicht bewegt, berührt, erschüttert.

Schon Goethe wusste: Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß. Mit dem Wissen wächst der Zweifel. Diesen Spruch müsste man Populisten ins Stammbuch schreiben, denn sie meinen, alles zu wissen und alles zu können. In Wirklichkeit manifestiert sich in ihrer Haltung das Ungebildet-Sein und die Neigung zum Besser-Wissen. Ich werde nie vergessen, wie in einer Probe für eine Mozartoper eine junge, sehr erfolgreiche, ja berühmte Sängerin in einer Diskussion über ein Tempo erklärt hat: „Mozart is dead and I am alive!“ Mozart war ein Ausnahmekünstler, wir kommen – so gut wir auch sein mögen – jedoch nie an seine Genialität heran. Im besten Fall sind wir goldene Handwerker. Was not tut für einen suchenden Künstler ist auch so mancher Zweifel an sich selbst.

Populismus bedeutet auch Respektlosigkeit gegenüber der Kunst – ein Phänomen, dem ich im internationalen Musikleben immer wieder begegne. Viele bemühen sich in ihren Interpretationen um das Äußere, um Äußerlichkeiten – wer kann noch extremer, überspitzter ein Werk spielen, wer kann noch mehr Effekte erzielen? Das gewollte Anderssein scheint wichtig, um sich abzugrenzen. Interessanterweise funktioniert dies besser, je älter die Musik ist. Bei so manchen sogenannten „historisch informierten Aufführungen“ bin ich im Zweifel, ob die Ergebnisse tatsächlich den Intentionen der damaligen Komponisten und den ästhetischen Ansätzen der Kulturphilosophen des 17. und 18. Jahrhunderts entsprechen. War es nicht deren Absicht, besonders die Natürlichkeit und Schönheit der Musik und des Klanges zu propagieren?

Jede Epoche hat ihre eigenen Parameter, und jedes Kunstwerk steht auch auf dem Prüfstand der Zeit. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ich mich ohne nachzudenken über das Kunstwerk stellen darf. Die Energie einer Aufführung kann uns begeistern, so wie uns auch andere Ereignisse wie etwa ein Skirennen mitreißen können. Dies lässt allerdings noch lange nicht darauf schließen, dass eine Aufführung Intensität besitzt. Sie kann elektrisierend sein und trotzdem am Kern – an der Botschaft des Kunstwerks – vorbei gehen oder nur an der Oberfläche kratzen. Hier zeigt sich eine weitere populistische Haltung: auf den schnellen Reiz zu setzen und durch Plakativität einfache emotionale Instinkte anzusprechen. Die Intensität einer Aufführung jedoch entsteht aus dem Suchen und Schürfen nach der Essenz und dem Geheimnis eines Meisterwerkes. Erst dann sind wir tatsächliche Interpreten und als solche Zwischenträger zwischen dem Zauber eines Kunstwerks und dem Zuhörer. Es gilt: Vermittlung statt Selbstdarstellung. Herausforderung statt Gefallen-Wollen und Gefälligkeit.

Und immer wieder müssen wir uns die entscheidende Frage stellen: Welche Motivation steht hinter der Entscheidung, sich einem Kunstwerk anzunähern und zu begegnen? Ich wurde vor einigen Wochen von einem Musikjournalisten gefragt, wie man dem Publikum den Zugang zu einem Werk wie Beethovens Streichquartett op.132 erleichtern könnte. Meine Antwort: gar nicht! Es geht wahrlich um etwas Anderes: nämlich darum, was wir tun können, um dem Zuhörer das Mysterium eines solchen Werkes erahnen zu lassen. Nicht mehr und nicht weniger. Und das ist unendlich viel und unglaublich schwer. Es erfordert unter anderem eine Haltung, die wir Demut nennen.

Wir leben in einer schrillen Zeit. Der Kampf um Differenziertheit, Subtilität und Demut dem Werk gegenüber, verbunden mit unbändiger Wissbegierde, ist eine Voraussetzung im Umgang mit Kunst. Das scheint immer schwieriger zu werden. Und deshalb bin ich so glücklich in Cleveland. Diese Stadt beherbergt eine Institution, in der der Umgang mit Kunst von tiefstem Respekt und Hingabe geprägt ist, in der es eine klare Philosophie für die täglichen und langfristigen Ziele gibt. Unabhängig davon, ob die Musik, die wir spielen, alt oder neu ist (wir führen mehr Zeitgenössisches auf als jedes andere amerikanische Orchester), ist die Weise, wie wir an die Sache herangehen von gleichem Ernst, Respekt, intensiver Vorbereitung jedes Einzelnen und von großem Engagement gekennzeichnet. In Cleveland ist ein Team am Werk, dem es nicht um den schnellen „Kick“ geht, sondern das sich abseits der Metropolen dieser Welt der Suche nach dem Wesentlichen verschreibt. Als mich ein bekannter deutscher Musikjournalist vor ein paar Monaten fragte, wie ich Cleveland und mich beschreiben würde, sagte ich: wir sind die Anti-Populisten in unserer Branche.

Ich würde mir wünschen, dass die Botschaft, die wir in Cleveland vertreten, in verstärktem Maße auch in Europa und in unserem gesamten Kulturbetrieb ankommt, in den Intendantenbüros und den Medien, die viel Macht über den Betrieb haben. Ich erachte es als unsere Aufgabe, nicht dem schnellen Kick, dem letzten Hype, dem neuesten Marketingschrei hinterherzulaufen, um es uns damit scheinbar aber doch nur kurzfristig leicht zu machen. Am Ende sollte mit den dummen Etikettierungen und Marketingstrategien Schluss gemacht werden, wo ein Crossover-Musiker zum Klassikstar erklärt wird und jede Extravaganz (die es ja auch schon immer in der Klassik gegeben hat) sofort als Entdeckung eines Genies gefeiert wird.

Merken wir eigentlich, wie oft wir unsere Kultur und damit uns selbst verraten? Immer wieder begegne ich dem Vorwurf, dass der Klassikbetrieb nicht zum Museum verkommen sollte. Verkürzt diese Meinung nicht unser gesamtes kulturelles Schaffen, und zeigt sich hier nicht wieder ein neues Gesicht des Populismus? Das kommt mir so vor, als würde man ein Meisterbild von Tintoretto, Rembrandt, Monet, Picasso etc., um es „zugänglicher“, „populärer“, „heutiger“ zu machen, mit Disco-Beleuchtung anstrahlen, in anderen Farben zeigen oder es verkehrt aufhängen. Ich gehe z.B. gerne ins Leopold Museum in Wien, da Egon Schiele einer meiner Lieblingsmaler ist. Das Bild Die Eremiten (1912), das Klimt und Schiele wie zwei Sensenmänner mit langen schwarzen Gewändern zeigt, erzählt mir jedesmal mehr von sich. Ich bin nie „fertig“ damit, die Aussage ist nie endgültig und bleibt offen. Es benötigt wahrhaftig keine unnötigen Zugaben. Ich muss mich nur darauf einlassen. Die dem Kunstwerk immanente Offenheit widerspricht somit dem Argument des Musealen.

Was für das Bild zutrifft, gilt auch für die Musik. Es geht darum, sich immer wieder auf sie einzulassen. Man wird neue Aspekte in ihr entdecken, weil große Kunst nicht nur das Element der Zeitlosigkeit in sich trägt, sondern auch die wunderbare Qualität, mit jedem individuell in einen Austausch, in eine Beziehung zu treten. Solche Intimität in der Kunst zu erleben, gehört für mich zu einem der größten Geschenke, die das Leben für mich und uns alle bereit hält. Für uns Interpreten bedeutet es, nicht etwas anders zu machen, nur um anders zu sein. Wir sind ständig auf der Suche, einen tief schürfenden persönlichen Zugang zu finden, der die Wahrung solcher Intimität ermöglicht.

Kunst und Philosophie haben etwas gemeinsam: sie zielen anders als etwa die Naturwissenschaften oder die Historie auf das Allgemeine hin. Diesen Blick, der ein suchender, forschender ist, und der uns paradoxerweise die unglaublichsten intimen Momente ermöglicht, dürfen wir uns nicht verstellen lassen. Dadurch bleibt Kunst lebendig, und sie vermag uns in jeder neuen Zeit Wesentliches für unser Leben, für den Einzelnen und für die Gemeinschaft zu sagen. Es ist ein Akt der Bereicherung, die Begegnung mit Kunst nicht zur simplen Unterhaltung verkommen zu lassen. Kunst kann uns immer herausfordern, ja sie muss es immer wieder tun. Der Hedonismus unserer Zeit und die Egozentrik, wie sie dem Populismus eigen sind, sind kein guter Nährboden für die Kunst – ganz im Gegenteil! Einer meiner Musiker in Cleveland hat das sehr einfach und schön auf den Punkt gebracht: music making is not about showing off – it is about sharing! Dem fühle ich mich verpflichtet und dafür werde ich trotz mancher Verzweiflung weiter kämpfen!

 

Rede anlässlich der Verleihung des Pro Arte Europapreises 2017, Herbert-Batliner-Europainstitut

Salzburg, den 4. August 2017